Geschichte

Heinz Nitzsche erzählt, wie er und seine Frau Martina dazu kamen, in Mariupol zu helfen:Martina + Heinz Nitzsche

Vorbereitung

Durch meine Zugfahrten zur Arbeitsstelle befand ich mich auf dem Bahnhof in Riesa. Ein betrunkener Reisender sprach mich an, ob ich ihm eine Fahrkarte kaufen könnte. Er sagte mir, dass er Periodentrinker sei. Wir tauschten uns darüber aus. Von Beruf war er Diplommineraloge. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Seinen „Trinkerausweis“ zeigte er mir. Es war ein Schriftstück zum Prahlen. Äußerlich prahlte er mit seinem „Saufen“, aber innerlich steckte eine tiefe Sehnsucht nach Befreiung. Er gab mir den Trinkerausweis und ich schenkte ihm die Fahrkarte nach Wittenberg. Ich erhielt auch seine Anschrift. Später besuchte ich ihn. Er kam zum lebendigen Glauben und wurde frei. So bereitete mich Gott für die Arbeit mit Alkoholikern vor. In der ehemaligen DDR gab es kein Blaues Kreuz, sondern die Evangelische Arbeitsgemeinschaft zur Abwehr der Suchtgefahren (AGAS).

Gott hatte einen wunderbaren und kühnen Plan für mich. Der Leiter der AGAS, Dr. Siegfried Stark, suchte Mitarbeiter für die Suchtkranken. Er wurde auf mich aufmerksam, beobachtete mich und wollte mich 1964 in den Dienst berufen. Ich lehnte noch ab. 1965 wurde ich zu einer AGAS-Konferenz nach Berlin Weißensee eingeladen. Ich konnte nicht länger ausweichen, musste Gott und den Brüdern gehorsam sein. Der Weg des Gehorsams ist die Quelle aller Freude, der Weg des Ungehorsams die Quelle allen Leides. So folgte die Bibelschule in Falkenberg/Mark.

Endlich in Mecklenburg

Während meiner Bibelschulzeit zog man mich zu den Bausoldaten der NVA ein, dadurch lernte ich Mecklenburg und deren Menschen kennen und lieben. Nach der Ausbildung setzte man mich in Dresden in der Stadtmission ein. Ich wusste aber, dass mein Weg nach Mecklenburg gehen wird. So klärten sich viele Dinge, und im August 1971 begann mein Dienst in Mecklenburg.
1973 schenkte der Herr mir meine liebe Mitkämpferin Martina. In ihr hat mir der Herr eine starke Gehilfin geschenkt. Dabei hat er unsere Ehe mit drei Söhnen und zwei Töchtern gesegnet. Serrahn-Mecklenburg, das war unsere kleine Missionsstation in „Afrika“. Es ist viel Herzblut geflossen. Wir hatten viele Schwierigkeiten mit der Stasi und anderen Stellen. Wir rechneten mit dem Handeln Gottes und mit seinem Eingreifen. Wir lagen Gott mit unseren Gebeten in den Ohren. Er ließ uns nie im Stich. Die Arbeit konnte durch das Vertrauen auf einen großen Gott in Serrahn und im Land sehr wachsen.

Aus dem einfachen Haus wurde im Laufe von 30 Jahren ein Diakoniewerk:

  • SOS-Station als Suchtberatungsstelle und Aufnahmehaus mit 15 Plätzen
  • Übergangs-Wohn-Einrichtung „Alte Post“ (gem. § 67 SGB XII) mit 25 Plätzen
  • Nachsorgeeinrichtung Linstow (gem. §§ 53,54 SGB XII) mit 17 Plätzen
  • das Betreute Wohnen Serrahn mit 6 Plätzen
  • Wohngemeinschaft Ave mit 10 Plätzen
  • das Betreute Wohnen Ave mit 6 Plätzen
  • eine Rehabilitationsklinik mit 42 Therapieplätzen
  • Als Zweckbetriebe: Tischlerei in Ave und eine behindertengerechte Tagungsstätte mit 37 Betten

Mit der Wende in Deutschland wurde unsere Arbeit anerkannt und wir konnten uns zu einer offiziellen Rehabilitationsklinik entwickeln.

Ein Herz für Russland

Dadurch, dass wir in der DDR-Zeit unseren missionarischen Dienst getan haben, hatten wir immer wieder mit Russen Kontakt. Ein Herz für Russen hatten wir immer, obwohl mein Vater in russischer Gefangenschaft umgekommen ist. So verteilten wir auch in der DDR-Zeit Bibeln und christliche Schriften an Russen. Dabei wurden wir einmal erwischt und der Staatssicherheit übergeben. Wir wurden zehn Stunden verhört. So hatten wir mancherlei Schwierigkeiten. Gott machte immer wieder etwas Gutes daraus.
Nach der Wende in Deutschland sahen wir es als unseren Auftrag, in der Ukraine und in Russland eine ähnliche Arbeit wie in Serrahn aufzubauen. Wir fuhren zweimal im Jahr nach Schachty und nach Rostov am Don. So waren wir mit vielen Personen und Fahrzeugen unterwegs. Dadurch lernte uns das russische Konsulat in Rostock kennen. Sie baten mich, zweimal eine Weihnachtsfeier für russische Soldaten in Rostock durchzuführen. Welch ein Geschenk, einen Auftrag von russischen Offizieren zu bekommen, eine Weihnachtsfeier für russische Soldaten durchzuführen. Dies machten wir sehr gern. Verkündigung, christliche Schriften, Essen und Geschenke füllten den Rahmen. Ein Offizier stand auf und bedankte sich für den guten Dienst. Er sagte: „Sie haben die gute Saat in über 40 Nationen ausgestreut, diese gute Saat wird aufgehen.“ Wir beten darum.

Für unsere Fahrten nach Russland und in die Ukraine hatten wir die Gewissheit des Herrn, dass es ein Auftrag war. Sein Segen war mit uns. Wir konnten einige kleine Einrichtungen für Alkoholkranke und Drogenabhängige ins Leben rufen. Auch den Bau einer Kirche konnten wir durch den Segen Gottes vorantreiben. Wir spürten es, dass Gott uns eigentlich ganz nach Russland haben möchte. Als Leiterehepaar konnten wir aber schlecht aussteigen. In der Zwischenzeit hatten wir über 50 Mitarbeiter in den verschiedensten Einrichtungen unseres Zentrums. Unsere Kinder waren verheiratet. Für unseren jüngsten Sohn mussten wir in besonderer Weise noch da sein. So führte der Herr uns einen harten Weg. Weihnachten 1998 verunglückte unser jüngster Sohn mit drei weiteren jungen Männern tödlich. Dies war ein besonderes Reden Gottes mit uns. Wir wussten: Gott macht keine Fehler. So zeigte er uns noch einmal, dass er einen neuen Auftrag für uns hat. Von der Familie waren wir jetzt „frei“.

Mariupol

Unser neuer Auftrag gilt jetzt der Ukraine.. So hat uns der Herr einen Nachfolger für Serrahn geschenkt und wir konnten mit dem 30. Jubiläum in Serrahn aufhören und uns in die Ukraine senden lassen. Die Stahlwerke in Mariupol ziehen viele raue Männer  an, von denen viele mit Alkohol Probleme haben. Nun sind es schon wieder zehn Jahre in Mariupol geworden. Obwohl ich kein Russisch kann, hat der Herr uns gebraucht, Mission zu treiben und das Blaue Kreuz in der Ukraine aufzubauen. „Nicht warten, bis das perfekte Konzept aus dem Westen kommt, sondern anfangen – wenn es sein muss, mit Gottvertrauen und weiter nichts!“, das war unser Motto. Wir haben erkannt, dass nicht viele Gaben wichtig sind, sondern der Gehorsam. Dort, wo wir gehorsam sind, wird er seinen Segen und alles Weitere schenken. Spätestens an den Zollstellen spüren wir, dass nicht Selbstvertrauen, sondern das Gottvertrauen wichtig ist. Gott kann die Herzen der Zöllner/der Menschen verändern.

Die Gewissheit für den Auftrag kommt für mich aus dem Ruf Gottes, durch das Wort Gottes und dem Gehorsam Gott gegenüber.

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